Show, don’t tell: So wird deine Geschichte lebendig
Mira hatte Angst, entdeckt zu werden.
Danke für die Information. Jetzt wissen wir, dass Mira Angst hat. Aber kannst du ihre Angst auch fühlen? Ich vermute nicht.
Wie wäre es damit:
Miras Puls pochte in den Ohren und ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Jeder Schritt draußen auf dem Flur klang wie ein Schlag gegen die Tür, hinter der sie sich versteckt hielt.
Jetzt sehe ich Mira gleich vor mir. Wie sie hinter der Tür steht und zittert. Auch mein Puls geht ein wenig schneller und ich will wissen, ob sie da heil herauskommt. Geht es dir auch so?
Im ersten Satz verstehe ich, dass Mira Angst hat. Im zweiten fühle ich es.
Das ist der Kern von Show, don’t tell: Emotionen nicht benennen, sondern erlebbar machen und sie damit bei den Lesenden auslösen.
Sollte man dann niemals „Mira hatte Angst“ schreiben?
Doch, das kann durchaus manchmal die richtige Formulierung sein. Show, don’t tell bedeutet nicht, dass du nie wieder erzählen (= tell) darfst und immerzu zeigen (= show) musst. Es bedeutet, dass du bewusst entscheidest, wann du erzählst und wann du zeigst.
1. Was Zeigen eigentlich heißt
Wenn du zeigst, nimmst du deine Lesenden mit in den Moment. Sie stehen mit deiner Figur im selben Raum, riechen dieselbe Luft, hören dasselbe Geräusch, spüren denselben kalten Wind in ihrem Nacken.
2. Warum Zeigen so gut wirkt
Wenn wir beim Lesen lebendige Bilder im Kopf haben, werden in unserem Hirn sogenannte Spiegelneuronen aktiviert. Diese Nervenzellen reagieren, als würden wir das Gesehene oder in diesem Fall Gelesene selbst erleben. Deshalb spüren wir beim Lesen guter Szenen Herzklopfen, Gänsehaut oder Wut, obwohl wir allein auf dem Sofa sitzen.
Je konkreter, körperlicher und sinnlicher du schreibst, desto stärker wird diese Resonanz. Geschichten wirken und bleiben in Erinnerung, wenn sie Emotionen erzeugen. Und Emotionen entstehen durch Erleben deutlicher als durch Informationen.
3. Wann du zeigen solltest
Zeigen ist dein Werkzeug für Nähe und Intensität. Du brauchst es, wenn etwas auf dem Spiel steht:
4. Wann Erzählen die bessere Wahl ist
Nicht alles braucht eine erlebbare Szene. Manchmal ist Tell der klügere, elegantere Weg:
Ein kurzer Satz wie „Zwei Wochen später stand sie wieder vor diesem Haus“ kann mehr Tempo schaffen als eine seitenlange Beschreibung belangloser Ereignisse bis zu diesem Zeitpunkt.
Show braucht immer mehr Platz als Tell.
5. Show an der falschen Stelle
Wenn der Kellner nur einmal auftaucht, müssen wir nicht wissen, wie er die Serviette faltet. Es sei denn, es geht darum, dass der Protagonist sich aus einem bestimmten Grund darauf konzentriert.
Show berührt. Tell beschleunigt.
Gute Texte wechseln beides bewusst ab.
Wie du Show in deinen Text bringst
Am besten versetzt du dich in deine Figur hinein. Stell dich in Gedanken an ihrer Stelle in den Wald und spüre das Moos unter deinen Füßen. Ist es warm? Ist es weich? Kitzelt es vielleicht ein wenig zwischen deinen Zehen? Was kannst du sehen? Die Sonnenstrahlen, die zwischen den Blättern der Bäume hindurchblitzen? Kannst du etwas hören? Oder ist es so ruhig, dass du deinem eigenen Atem lauscht? Vielleicht findest du einen Brombeerstrauch und lässt dir eine süße Beere auf der Zunge zergehen.
6. Sinneseindrücke nutzen
Je mehr Sinne du ansprichst, desto greifbarer wird die Szene.
Bring nicht nur ein, was die Figur sieht, sondern auch, was sie hört, fühlt, riecht oder sogar schmeckt.
Nicos blanke Füße sanken in die matschige Wiese. Der kalte Regen lief ihm den Nacken hinab und spülte das warme Blut von seiner Hand. Ob es sein Blut war oder ihres, wusste er nicht. Er wusste nur, dass sie nach Zimt roch. Auch jetzt noch. Das Rauschen in seinen Ohren riss alle Gedanken mit sich. Alle bis auf einen. Unschuldig.
Solche Momente berühren, weil sie keine Erklärung brauchen. Selbstverständlich wissen wir bei diesem Ausschnitt nicht, was Nico getan oder nicht getan hat, aber seine Verzweiflung ist greifbar.
7. Emotionen körperlich zeigen
Gefühle wirken über Bewegung, Haltung, Stimme.
Statt: Er war nervös.
Lieber: Seine Finger trommelten einen schnellen Rhythmus auf die Tischplatte, und er sah unentwegt auf die viel zu laut tickende Uhr über der Anrichte.
8. Dialoge nutzen
Gespräche sind die direkteste Form von Show. Sie offenbaren Konflikte, ohne dass du sie erklären musst.
„Du trägst also den Schlüssel.“
„Tragen? Ich habe ihn einfach nur gefunden.“
Er zog die rechte Augenbraue hoch. „In der Tasche des toten Hüters?“
„Er war schon tot, als ich kam.“
„Natürlich war er das.“
„Geh allein weiter, wenn du mir nicht glaubst.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Und dir den Rücken zukehren? Sicher nicht.“
9. Mit Bildern arbeiten
Metaphern und Vergleiche erzeugen Stimmung.
Sein Atem ging kurz, wie nach einem Sprint, dabei hatte er sich keinen Schritt bewegt.
10. Informationen einflechten
Statt: Er trug eine blaue Jeans und dazu schwarze Turnschuhe.
Lieber: Sie stieß gegen ihn und musste mitansehen, wie sich der Kaffee über seine blaue Jeans bis hin zu seinen schwarzen Turnschuhen ergoss.
Fazit
Show, don’t tell ist kein Dogma. Es ist die bewusste Entscheidung, wann du spüren lässt und wann du informierst.
Zeigen lässt Leser*innen eintauchen. Erzählen leitet sie.
Wenn du beide Techniken einsetzt, entsteht das, was alle guten Geschichten ausmacht: ein lebendiger Sog aus Gefühl und Bedeutung.
Melde dich gerne jederzeit bei mir, wenn du Fragen hast oder soweit bist, dein Manuskript ins Lektorat zu geben. Ich freue mich darauf, dich und deine Geschichte kennenzulernen.
Eine kleine Übung für dich
Such dir zwei Stellen aus deinem Text:
- Einen wichtigen Moment (Emotion, Wendepunkt).
→ Schreib ihn um, so dass du kein Gefühlswort benutzt. Zeig, was passiert. - Einen langatmigen Abschnitt (Reise, Übergang, Alltag).
→ Kürze ihn auf drei Sätze. Schau, ob der Lesefluss besser wird.
So lernst du, Tempo und Nähe zu steuern – und das ist genau das, was „Show, don’t tell“ eigentlich meint.
Hi, ich bin Stephi
als freie Lektorin unterstütze ich Selfpublisher:innen dabei, ihre Manuskripte in unvergessliche Romane zu verwandeln. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf den Genres Fantasy und Romance. Als begeisterte Leserin und Autorin, kenn ich auch diese Perspektiven auf ein Buch und kann mich auf verschiedenen Ebenen in das Schreiben einer guten Geschichte einfühlen und hineindenken.

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