Dialoge schreiben: 12 wichtige Aspekte und der ultimative Tipp
„Schön, dass du hier bist“, sagte Jana.
„Ich freue mich auch.“ Ben setzte sich an den Küchentisch.
„Kaffee?“
„Gern, danke.“
„Mit Milch?“
„Wie du weißt, Jana, trinke ich ihn seit Jahren schwarz.“
„Ja, natürlich. Entschuldige. Ich weiß, wie du ihn magst. Wir sind schließlich seit zehn Jahren ein Paar.“
Spricht dich dieser Dialog an?
Ich bin sicher, er tut es nicht. Da geht es dir wie mir.
Aber woran liegt das?
Dieser Dialog hat gleich mehrere Probleme. Das größte ist jedoch, dass hier nichts passiert. Nichts steht auf dem Spiel, nichts verändert sich und keine der Figuren will etwas.
Gute Dialoge ziehen Leser:innen in die Szene. Schlechte schubsen sie raus.
In diesem Artikel zeige ich dir das Handwerk des Dialog-Schreibens und wodurch Gespräche Tiefe bekommen.
1. Dialoge sind kein Abbild der Realität
Dialoge sollten natürlich klingen, klar. Aber eben doch nicht wie ein echtes Gespräch. Eine echte Unterhaltung wird gefüllt mit „ähm“, „tja“ und Pausen, kompliziert gestellten Sätzen und streckenweise wenig interessantem Inhalt.
Ein guter Rat ist, Dialoge in Romanen als „Essenz echter Dialoge“ zu verstehen. Sie sind eine Verdichtung und keine Mitschrift.
Die wichtigste Frage lautet stets: Erfüllt in diesem Dialog jedes Wort einen Zweck?
2. Jeder Dialog braucht eine Aufgabe
Dialoge können vieles leisten. Sie charakterisieren Figuren, transportieren Informationen, erzeugen Atmosphäre, machen Beziehungen sichtbar und mehr. In der Regel tun sie sogar mehr als eins dieser Dinge gleichzeitig.
Die Frage ist immer: Was verändert dieses Gespräch?
Wenn die Antwort lautet „eigentlich ändert sich nichts“, ist der Dialog meist überflüssig oder am falschen Punkt der Geschichte.
„Kommst du morgen wieder?“, fragte Jana.
„Mal sehen.“
„Ich brauche eine feste Zusage.“
Ben zuckte mit den Schultern. „Dann rechne nicht mit mir.“
Nach diesem kurzen Dialog ist etwas anders als zuvor. Eine Frage wurde beantwortet, eine Entscheidung ist gefallen, eine Beziehung leicht verschoben. Der Dialog hat etwas verändert, auch wenn er kurz ist.
Damit sich etwas verändern kann, brauchen die Figuren eine Absicht, mit der sie in das Gespräch gehen. Was das bedeutet und wie daraus Spannung entsteht, schauen wir uns im nächsten Punkt an.
3. Die Absichten und der Spannungsbogen
Jede Figur betritt ein Gespräch mit einer Absicht. sie will etwas erreichen, etwas vermeiden, etwas herausfinden, etwas mitteilen oder etwas verbergen.
Spannung entsteht, weil die andere Figur eine eigene, oft konkurrierende Absicht mitbringt oder schlicht nicht das in das Gespräch einbringt, was die erste Figur erwartet oder braucht.
Das klingt nach einem größeren Drama, als es sein muss. Auch ein scheinbar ruhiges Gespräch hat diesen Spannungsbogen, solange die Absichten der Figuren aufeinanderprallen.
„Wir müssen reden.“
„Jetzt?“
„Ja, jetzt.“ Jana stellte die Tassen auf den Tisch.
„Ich bin müde.“
„Das bin ich auch.“ Sie sah Ben an. „Seit Jahren.“
Er schwieg.
„Ich brauche eine Antwort.“
„Worauf?“
„Ob du überhaupt noch hier sein willst.“
Ben stand auf und stellte seine Tasse in die Spüle. „Ich gehe jetzt schlafen.“
Jana will eine Antwort. Ben will ihr keine geben und weicht aus. Diese gegenläufigen Absichten erzeugen den Spannungsbogen:
Nicht jeder Dialog lebt von deutlich gegenläufigen Absichten. Manchmal sind sie nur subtil. Manchmal geht es vor allem darum, dass eine Figur der anderen etwas mitteilt, das für die Geschichte wichtig ist.
Auch solche Dialoge funktionieren. Was dann nicht fehlen darf, ist die Reaktion der empfangenden Figur. Nimmt sie die Information einfach hin? Zweifelt sie? Zieht sie sofort Konsequenzen? Genau das erzeugt hier wieder den Spannungsbogen, auch wenn keine Absichten aufeinanderprallen. Die Spannung liegt dann nicht im Gespräch, sondern in dem, was die Information bedeutet und auslöst.
Frag dich bei jedem Dialog: Was will Figur A? Was will Figur B? Und wenn es um eine Information geht: Was macht diese mit der Figur, die sie empfängt?
4. Subtext: Was nicht gesagt wird
„Ich bin wütend auf dich, weil du gestern nicht hier warst, obwohl wir eigentlich ins Kino gehen wollten.“ Jana kamen die Tränen.
Das mag inhaltlich stimmen, aber Dialoge ohne Subtext sind wie Rätsel, neben denen die Lösung abgedruckt ist. Es gibt für die Leser:innen nichts mehr selbst zu entdecken.
„Was war gestern so wichtig, dass du nicht bei mir sein konntest?“ Jana räumte die Tassen weg, ohne ihn anzusehen.
Gleiches Gefühl, aber mehr Spannung. Was nicht ausgesprochen wird, ist oft das Interessanteste.
Subtext entsteht, wenn Figuren etwas wollen und es nicht offen sagen können oder möchten.
„Kommst du noch auf einen Kaffee mit rein?“ Jana hatte den Schlüssel zu ihrer Haustür schon in der Hand und sah ihn erwartungsvoll an.
„Bist du sicher, dass du jetzt einen Kaffee mit mir trinken möchtest?“
Sie nickte und schloss die Tür auf.
Gesagt wird hier wenig. Gemeint wird viel.
Subtext ist so viel stärker als Erklären, weil Leser:innen gerne mitdenken wollen. Wer alles ausspricht, nimmt ihnen das weg.
Dialoge sind übrigens die direkteste Form von „Show, don‘t tell“. Einen Artikel zum Thema „Show, don‘t tell“ findest du hier.
Wichtig: Trau deinen Leser:innen zu, zwischen den Zeilen zu lesen.
5. Figurenstimme und Charakterisierung durch Sprache
Alle Figuren sprechen wie die Autorin oder der Autor. Derselbe Rhythmus, dasselbe Vokabular, dieselbe Art, Sätze zu bauen. Das ist einer der häufigsten Fehler und einer der schwierigsten, weil man ihn im eigenen Text kaum sieht.
Dabei ist Sprache Charakter. Eine 60-jährige Professorin redet anders mit ihren Studierenden als ein 16-jähriger Junge mit seinen Fußballfreunden spricht.
Das heißt nicht, dass man jeder Figur eine spezielle Art zu sprechen andichten soll. Schnell wird zu Dialekten gegriffen, die im Zweifelsfall nicht jede:r Leser:in versteht oder eine Figur verschluckt stets den letzten Vokal eines Wortes, was den Lesefluss stört.
Dabei geht es um viel subtilere Unterschiede. Eine unsichere Figur stellt vielleicht viele Fragen, während ein dominanter Charakter niemanden ausreden lässt. Der eine spricht hektisch und in kurzen Sätzen. Die andere bildet lange Sätze.
„Ich denke, wir sollten vielleicht mal in Ruhe reden, bevor wir irgendetwas entscheiden.“
„Worüber?“
„Na ja, über uns. Über die Situation. Ich meine, es wäre doch gut, wenn wir erstmal überlegen …“
„Ständig willst du reden.“
Kein Dialekt, keine Ticks, kein sich wiederholendes Wort. Aber wir haben hier zwei völlig unterschiedliche Haltungen. Jana will reden, hat noch nicht aufgegeben, versucht etwas zu retten. Ben hat mit der Sache schon abgeschlossen und ist genervt. Die Sprache ergibt sich aus dieser Haltung, aus der Einstellungen, aus dem, was die Figuren wollen. Nicht allein aus ihrem Wortschatz.
Mini-Tipp: Lies einen längeren Dialog in deinem Manuskript und decke alles bis auf die direkte Rede ab. Erkennst du noch, wer spricht? Wenn nicht, haben deine Figuren noch keine eigene Stimme.
6. Einbettung der Dialoge
Oft brauchen Dialoge Einbettung: kleine Handlungen, Blicke, Pausen, Gedanken.
„Du warst also gestern Abend bei ihm.“
„Ja.“
„Und du hast nichts gesagt?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil es nichts zu sagen gab.“
„Das nehme ich dir nicht ab.“
Hier ist unklar, ob etwas auf dem Spiel steht. Man sieht keinerlei Emotionen, keinen Subtext, keine Einbettung. So hat der Dialog wenig Bedeutung.
„Du warst also gestern Abend bei ihm.“
Ihr Blick blieb auf den Tisch gerichtet. „Ja.“
„Und du hast nichts gesagt?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil es nichts zu sagen gab.“ Sie zuckte mit den Schultern.
Seine Handfläche knallte auf die Tischplatte. „Das nehme ich dir nicht ab.“
Jetzt bekommt der Dialog Tiefe.
Achtung: Alles muss wohldosiert sein. Wenn jede Zeile von Handlungen begleitet wird, wird die Szene umständlich und schwer. Und manchmal wirken Dialoge auch gerade deshalb stark, weil sie fast unkommentiert bleiben.
7. Der Maid-and-Butler-Dialog
Die Bezeichnung kommt aus dem Theater. Zwei Figuren erklären sich gegenseitig Dinge, die sie längst wissen, damit das Publikum informiert ist.
„Wie du weißt, sind wir seit zehn Jahren zusammen, Jana, und ich weiß, was du dir wünscht.“
„Ja, und wie du weißt, Ben, habe ich mir immer gewünscht, dass du mehr Zeit für uns findest.“
Menschen erklären einander keine Dinge, die beide bereits wissen. Leser:innen merken sofort, dass es unnatürlich klingt und hier steht, um sie zu informieren. Das bringt sie raus aus der Geschichte.
Wie bringt man diese Informationen stattdessen ein?
Da hast du verschiedene Möglichkeiten:
In einer erzählenden Passage
Zehn Jahre. So lange wartete Jana bereits darauf, dass für Ben ihre Beziehung mal vor seinem Job kam.
In einer Reaktion, statt einer Information
„Ich muss heute länger im Büro bleiben. Bitte entschuldige.“
„Schon gut.“ Jana seufzte. „Ich kenne es ja seit zehn Jahren nicht anders.“
Im Gespräch mit einer dritten Person
„Wo ist Ben heute Abend?“
„Was meinst du wohl?“
„Schon wieder arbeiten? Willst du das wirklich weitere zehn Jahre mitmachen?“
In allen drei Varianten kommen die Informationen an, ohne sich anzufühlen, als stünden sie hier nur für die Leser:innen.
Übrigens: Eine häufige, kleinere Variante ist übrigens das Erwähnen des Namens. Menschen nennen sich im echten Leben selten im Gespräch beim Namen. „Wie du weißt, Jana, trinke ich ihn seit Jahren schwarz“ ist daher meist eine Info an die Leser:innen.
8. Infodump
Direkt mit Punkt 6 im Zusammenhang steht der Infodump. Auch hier wird der Dialog genutzt, um den Leser:innen Informationen näherzubringen, die so jedoch niemand am Stück runterleiern würde.
Hier verlasse ich mal kurz Jana und Ben und nehme ein Beispiel aus dem Fantasy-Bereich. Denn auch wenn man Infodump selbstverständlich in jedem Genre finden kann, ist er besonders beliebt im Fantasy-Genre. Da gibt es aber auch immer so viel zu erzählen.
„Die Stadt wurde vor dreihundert Jahren von König Aldric gegründet, nachdem er die Nordlande erobert und die alte Magiergilde aufgelöst hatte. Seitdem regiert sein Blut. Sein Sohn Edric baute dann den großen Turm, den du dort drüben siehst und seine Tochter Mara war es, die das Bündnis mit den Seevölkern schloss, das uns bis heute den Handel sichert. Wiederum sein Enkel Hindric war maßgeblich daran beteiligt, dass die Stadt erweitert wurde und mehr Menschen in Sicherheit leben können als je zuvor. Seine Enkelin …“
Du merkst, wohin das führt. Es mag Stellen in der Geschichte geben, in denen es passt und in diesem Umfang nötig ist, um den weiteren Verlauf der Geschichte zu verstehen, aber meist ist ein solcher Infodump eine Überladung und kann verdichtet werden.
Die Lösung ist dieselbe wie beim Maid-and-Butler-Dialog: Informationen sollten auf mehrere Szenen und Gespräche verteilt werden, man kann sie in Reaktionen einbetten, in erzählenden Passagen unterbringen oder schlicht weglassen, was die Geschichte nicht unbedingt braucht.
Eine gute Regel: Gib den Leser:innen immer die Informationen, die sie brauchen, um den weiteren Verlauf der Geschichte zu verstehen. Und immer erst dann, wenn sie sie brauchen.
9. Inquits: Wer sagt was und wie?
Ein Inquit ist eine Redebegleitformel. Das ist der Teil, der beschreibt, wer spricht und manchmal auch, wie etwas gesagt wird.
In der Schule haben die meisten von uns gelernt, dass man diese „langweiligen“ Inquits, besonders ideenreich variieren sollte. Dabei kommen dann Dinge heraus wie „donnerte sie“ oder „grunzte er“.
Auch „grinste sie“ ist sehr beliebt, aber man kann nicht „grinsen, dass die Besprechung verschoben wurde.“ Und Verben wie „hauchte“ oder „schnaubte“ lenken schnell von dem ab, was gesagt wird.
„Sagte“, „fragte“ oder „antwortete“ hingegen sind unsichtbar. Das ist nicht ihre Schwäche, sondern ihre Stärke. Die Leser:innen lesen darüber hinweg und konzentrieren sich auf den Inhalt des Gesagten.
Wenn du den Ton oder eine Emotion zeigen willst, kannst du das auch wunderbar über eine Handlung zeigen.
„Ich gehe nicht.“ Er warf die Jacke auf den Stuhl.
Das zeigt mehr als jedes „knurrte er“.
Häufig ist die Frage nicht, welches Verb du verwendest, sondern warum überhaupt eins nötig ist. Überladene Inquits versuchen oft zu erklären, was der Dialog selbst nicht leistet.
Frage dich bei jedem Inquit: Zieht es die Aufmerksamkeit unnötig auf sich? Wenn ja, streiche es oder ersetze es durch eine kurze Handlung.
10. Absätze
Jede neue Sprecherin oder jeder neue Sprecher bekommt einen eigenen Absatz. Immer. Denn sonst wird es schnell unübersichtlich.
Falsch:
„Kommst du heute?“, fragte Jana. „Weiß ich noch nicht“, sagte Ben. „Es wäre schön.“
Richtig:
„Kommst du heute?“, fragte Jana.
„Weiß ich noch nicht“, sagte Ben.
„Es wäre schön.“
11. Das Auslassungszeichen
Wenn eine Figur ihren Satz abbricht oder stockt, kommt das Auslassungszeichen ins Spiel.
Es ist ein eigenes typografisches Zeichen und besteht nicht einfach nur aus drei einzelnen Punkten.
Bricht ein Satz nach einem vollständigen Wort ab, kommt vor dem Auslassungszeichen ein Leerzeichen. Bricht er mitten im Wort ab, nicht.
Nach einem vollständigen Wort:
„Ich wollte nur sagen, dass …“
Mitten im Wort:
„Ich woll…“
Wichtig: Der letzte Punkt des Auslassungszeichens ersetzt den Punkt am Ende eines Satzes. Dieser fällt daher weg. Ein Fragezeichen oder Ausrufezeichen wird jedoch zusätzlich gesetzt.
12. Nicht jedes Gespräch gehört in direkte Rede
Direkte Rede ist ein Werkzeug und wie jedes Werkzeug sollte man wissen, wann man sie einsetzt und wann nicht. Manche Gespräche sind im Fließtext besser aufgehoben. Vor allem dann, wenn sie keine Spannung erzeugen und nur Informationen enthalten.
„Dann treffen wir uns Dienstag?“
„Dienstag passt bei mir nicht.“
„Wie wäre es am Mittwoch?“
„Mittwoch geht leider auch nicht.“
„Donnerstag?“
„Das könnte vielleicht klappen.“
Stattdessen schreibt man besser: Sie brauchten eine Weile, bis sie sich auf einen Termin geeinigt hatten.
Der ultimative Tipp
Lies dir deine Dialoge laut vor.
Du merkst sofort, ob sie natürlich wirken. Du hörst, wo du stolperst oder ein Inquit unpassend ist.
Was sich beim Lautlesen gut anhört, wird sich wahrscheinlich auch für deine Leser:innen gut lesen.
Fazit
Gute Dialoge fallen nicht auf. Das ist ihr Ziel. Aber sie haben eine starke Wirkung: Sie ziehen die Leser:innen in die Szene, geben Figuren Charakter und treiben die Geschichte voran.
Das Handwerk dahinter lässt sich lernen: Inquits bewusst setzen, Absätze konsequent nutzen und Subtext einbauen.
Schau dir am besten direkt mal den ersten langen Dialog in deinem Manuskript an.
Melde dich gerne jederzeit bei mir, wenn du Fragen hast oder soweit bist, dein Manuskript ins Lektorat zu geben. Ich freue mich darauf, dich und deine Geschichte kennenzulernen.
Hi, ich bin Stephi
als freie Lektorin unterstütze ich Selfpublisher:innen dabei, ihre Manuskripte in unvergessliche Romane zu verwandeln. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf den Genres Fantasy und Romance. Als begeisterte Leserin und Autorin, kenn ich auch diese Perspektiven auf ein Buch und kann mich auf verschiedenen Ebenen in das Schreiben einer guten Geschichte einfühlen und hineindenken.

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